Germanophilie und Germanophobie*

erstellt von EGO-Redaktion zuletzt geändert: 2021-06-14T15:15:42+02:00

Germanophilie im Judentum

Der vorliegende Aufsatz untersucht die historischen Bedingungen, unter denen sich die Germanophilie zu einem durchgängigen Muster im deutschen Judentum des 19. Jahrhunderts verdichtete, und liefert einen Überblick über ihre konkreten Erscheinungsformen. Dabei liegt die Annahme zugrunde, dass sich der germanophile Diskurs am modernen Kulturbegriff als leitendem Paradigma soziokultureller Selbstbeschreibung und -beobachtung herausbildete. In der vergleichenden Zusammenschau werden die vom Wunsch nach Zugehörigkeit getragenen Formen der Annäherung an die deutsche Kultur nicht isoliert, sondern in ihrer Wechselwirkung mit den allgemeinen Prozessen nationaler Identitätsbildung in Deutschland betrachtet. Der Hauptakzent liegt auf drei exemplarischen Konzepten, die durch eine spezifische Art und Weise der germanophilen Bezugnahme auf ein jeweils unterschiedlich gefasstes "Deutschtum" gekennzeichnet sind: die "Wahlverwandtschaft" von jüdischem und deutschem Wesen; die "Einheit" des deutschen Volkes in der "Vielheit von Stämmen"; die "Assimilation" an die deutsche Kultur. Gesonderte Berücksichtigung erfährt das orthodoxe Judentum mit seiner ganz eigentümlichen germanophilen Tradition.

Wertherfieber

Kein anderer deutscher Roman des 18. Jahrhunderts erregte so sehr die Gemüter in Europa wie Johann Wolfgang Goethes "Die Leiden des jungen Werthers", die sich rasch nach ihrem Erscheinen 1774 zu einem Bestseller entwickelten. Überschwängliche Leserreaktionen und Phänomene wie die "Werthertracht", Pilgerreisen zum "Werthergrab" bis hin zur Imitation des Selbstmords des Protagonisten ließen bereits die Zeitgenossen von einem "Wertherfieber" sprechen. Dies führte insbesondere in konservativen und theologischen Kreisen zu Debatten über die Schädlichkeit des Werkes. Neben warnenden und polemischen Stimmen in Zeitungen und Predigten, trugen u.a. theatralische Adaptionen und bildliche Darstellungen zu einer multimedialen Verbreitung der Werther-Geschichte bei. Der bis heute anhaltende internationale Erfolg begründet sich dabei vor allem in der literarischen Qualität und der philosophischen Dimension des Werkes.